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Bielicky
VON GEORG DIEZ

Wir standen vor dem Haus mit der Nummer 24 und schauten die Straße entlang auf die breite Fassade der Volksbühne, wo gerade die Köpfe von Claudia Schiffer, Kofi Annan und Saddam Hussein herabsegelten. Nur der Kunstkenner neben mir schaute nicht auf das Kunstwerk, sondern auf die Beine des jungen Mädchens vor ihm. Sie hatte rosa Strümpfe an und einen Rock, der bis zum Knie reichte. Der Mann neben mir hatte ein Gesicht, das blaß war und etwas mager. Vorher hatte er ein paar Worte auf seinen Block gekritzelt und in seiner Mappe geblättert. Jetzt schaute er mal zu den fallenden Köpfen, die als eine Art Zeitkritik gemeint sein konnten oder auch nur schön waren, mal schaute er auf die Beine des Mädchens, die ganz unkritisch waren und wirklich schön. Er lächelte so ein Lächeln, wie es jemand tut, der sich dabei selbst von außen beobachtet. In diesem Moment sah er aus wie jemand, der gegen jede Wahrscheinlichkeit glücklich sein will. Vor dem Haus mit der Nummer 24 standen jetzt zehn Menschen um den Künstler Mischa Bielicky herum, der sich diese Videoprojektion ausgedacht hatte. Er trug eine schwarze Jacke, wie sie wohl nur Videokünstler tragen, eine Art asiatische Sakko-Variante, und dazu eine schwarze Hose und eine Glatze. Neben ihm stand seine schmale, sympathische Freundin. Auch Bielickys Bruder war da, ein Hautarzt aus Düsseldorf, der seine Digitalkamera dazu benutzte, die Bilder seiner beeindruckenden Sammlung tschechischer Malerei zu zeigen. Ein Mann sagte ein paar Worte zur Begrüßung. Wir waren die kleinste Vernissage an diesem großen Berliner Kunstwochenende. Da war das Art-Forum, wo sich die Menschen in den gutgeschnittenen Anzügen kenntnisreich durch die Gänge schoben. Da waren die hellen Fenster der Galerien, die in die Nacht leuchteten, wie ein Versprechen, an das niemand glaubt. Da war die Party des Art-Forums in der Volksbühne, wo viel Englisch geredet wurde und etwas Französisch. Und am Dienstag würde noch der große Flick-Auftrieb folgen, wo vor allem Deutsch gesprochen werden würde. Es war ein Moment der Stille, wir zehn vor der Nummer 24, während um uns die Kultur tobte. Der Mann neben mir strahlte. Er gratulierte dem Künstler Bielicky, er redete mit dem Leiter der deutsch-tschechischen Kulturwochen, er schaute sich noch mal die fallenden Gesichter an und sagte laut: "Toll." Dann sagte er: "Ich muß hier weg." Ich fuhr danach zu den Kunst-Werken, wo die Party leider einen Abend vorher stattgefunden hatte, ich ging in die Volksbühne und bediente mich am thailändischen Buffet, ich saß kurz auf der Treppe und ging dann in die Galerie nebenan, die noch offen hatte und von wo mich ein junger Mann vertrieb, der sich die geometrischen Bilder ansah und mich mit dem Ruf verfolgte: "Das Karo, haben Sie gesehen, das Karo ist zurück!?" Vor der Galerie traf ich Mischa Bielicky mit seiner Freundin. Der Projektor sei kaputt, sagte er, sie müßten aufs Dach und nachschauen. Dann verschwanden sie im Dunkel. Vor dem Haus mit der Nummer 24 blieb ich kurz stehen und drehte mich um. Die Nacht hatte die Kunst einfach verschluckt. Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.09.2004, Nr. 39 / Seite 33
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